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Rumänien - Einblicke und Eindrücke nach einem Hilfstransport - Oktober 1999 

Einer Einladung zum 160-jährigen Jubiläum der Einweihung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Temeswar am 24. Oktober folgten wir als zwölfköpfige Gruppe aus den Kirchgemeinden Neudietendorf, Ingersleben und Umgebung.

Damit sollte, wie in den Jahren zuvor, ein Hilfstransport verbunden sein. Seit einem Jahr besteht ein sehr guter Kontakt zu dieser Kirchgemeinde, der bereits im April diesen Jahres unter anderem eine Geldspende aus unserer Region zur Erneuerung des Kirchendaches übergeben werden konnte. Drei Tage vor dem Jubiläum war diese Dachsanierung, von der wir uns überzeugten, abgeschlossen. Angeregt von dem Gedanken der konkreten Hilfe für Menschen in diesem Land, wuchs ein großer Kreis Interessierter und wurde mit uns tätig.

Viele Geld- und Sachspender, auch über den Raum der Kirchgemeinden hinaus, unterstützten uns in den Vorbereitungen und ermöglichten diesen Transport. Mit großem Engagement beteiligten sich auch die drei Neudietendorfer Schulen, der Kindergarten und die Mitarbeiterin der Kleiderkammer der Kirchgemeinde. Die Erntedankgaben der katholischen Kirchgemeinde Ichtershausen und der evangelischen Kirchgemeinden Großrettbach, Gamstädt, Grabsleben, Neudietendorf und Ingersleben, viele einzelne Lebensmittelspenden, Spielzeug, Schul- , Schreib- und Bastelmaterial, kleine Instrumente, Werkzeuge, Fahrräder, Drogeriewaren und Reinigungsmittel, Decken und Federbetten, Kleidung, Medikamente und ein Computer von der Verwaltungsgemeinschaft füllten die Kartons und Säcke.

Mit zwei Kleintransportern und zwei PKW starten wir am Morgen des 22. Oktober. Nach 23-stündiger Fahrt rollen alle vier Fahrzeuge um drei Uhr vor dem Pfarrhaus in Temeswar gemeinsam und wohlbehalten an. Kaum sind die Motoren abgestellt, sehen die staatlichen Ordnungshüter an Ort und Stelle auch schon nach dem Rechten. Die schnelle Aufteilung in die Quartiere ermöglicht dann noch einige Stunden Schlaf, bis (fast) alle wieder in froher, wenn auch etwas müder Runde pünktlich am Frühstückstisch sitzen. Wir erleben, und das nicht nur an diesem Morgen, sondern mehrmals täglich, eine kaum zu übertreffende Gastfreundschaft. Mit anderen Freunden der dortigen Gemeinde werden wir bewirtet. Angesichts der vollen Tische scheint es in den ersten Tagen, als befinden wir uns in einem Land, dem es augenscheinlich an nichts fehlt. Mehrere Frauen und ein Bäcker stehen tagelang in der zehn Quadratmeter großen Küche der Pfarrfamilie, um uns zu bewirten, und der Anflug des schlechten Gewissens in uns lässt sich nicht verheimlichen.

Mit einem Chorkonzert beginnen um 16.00 Uhr offiziell die Feierlichkeiten zum großen Jubiläum. Im Trubel der Festvorbereitungen und der Montage zweier Scheinwerfer an der Kirche auf Leitern, vor denen jede Katze Respekt hätte, erscheint noch eine halbe Stunde vor Beginn des Konzertes der Binnenzoll. Die nun schon persönliche Bekanntschaft von den letzten Besuchen ermöglicht es, die Formalitäten großzügig auf der Couch im Wohnzimmer „vorbesprechen“ zu können.

Mit zehn Minuten Verspätung beginnt dann das Konzert. Ein ungarischer und der Chor der Reformierten Kirchgemeinde beleben die vollbesetzte Kirche mit Klang und Fülle, die auch in uns allen Stress der Fahrt und deren Vorbereitung überwindet.

Der über drei Stunden dauernde Festgottesdienst am Sonntag, umrahmt vom Domchor mit Orchester ist besonders für uns Deutsche ein eindrückliches Erlebnis. Vertreter der Römisch-Katholischen, der serbischen, der reformierten, der orthodoxen, der jüdischen und der evangelischen Kirchen und Gemeinden der Stadt sitzen nicht nur nebeneinander, sondern die jeweiligen Vertreter sprechen mit festem Willen und innerer Freude von einem Fest, das als ein Meilenstein für eine weiterführende Gemeinschaft aller Gläubigen und deren Zusammenarbeit steht.

Mit einem Grußwort stellt sich auch unsere Gruppe vor und bedankt sich für die Einladung. Ein abendliches Orgelkonzert rundet die Festlichkeiten ab. Was hier mit einigen kargen Worten beschrieben ist, steht als das Ergebnis einer monatelangen und intensiven Vorbereitung durch den Pfarrer Zsombor Kovacs. Zwischendurch stand er, neben Gemeindearbeit und Familie, noch mit auf dem Dach um zu arbeiten. Die Koordination dieser Dachreparatur lag in seiner Hand. Auch aus Kostengründen legte er mit Hand an. Mit neuen Eindrücken und dem Kennenlernen vieler Menschen geht so ein reich gefüllter Tag zu Ende.

Unser weiteres Programm beginnt am Montagmorgen mit einem kurzen Besuch beim Binnenzoll, wo die Papiere abzuholen sind. Dann folgen das Aus- und Umladen der Transporter und einige Hausbesuche bei älteren Gemeindemitgliedern. Mitgebrachte Lebensmittelpakete und ein Gespräch mit ihnen verschaffen uns nach mancher Freudenträne Einblicke in Situationen und Lebensgeschichten, die uns oft tief berühren. Neben den Sorgen um die Bewältigung der täglich notwendigsten Bedürfnisse droht jetzt an vielen Stellen auch die drastische Reduzierung der Heizung im Winter.

Es bleiben uns Eindrücke von Menschen aus einem Land, in dem keiner weiß, wie es weitergehen soll und wo uns jeder Versuch einer Antwort im Halse erstickt.

Am Dienstag teilte sich unsere Gruppe. Ein Teil, zumeist diejenigen, die zum ersten Mal das Land besuchen, setzt die Hausbesuche fort und verschafft sich durch Besichtigungen in der Stadt und in den Geschäften weitere Eindrücke von Land und Leuten.

Der andere Teil der Gruppe fährt mit einem vollen Kleintransporter wieder nach Hunedoara. Durch die persönlichen Kontakte zu Freunden des kleinen, ehemals ungarischen Dorfes am Rande der Stadt konnte der besonders vom Gymnasium Neudietendorf erwünschte Kontakt zu einer Schule vorbereitet werden. Mit den Spenden aller Neudietendorfer Schulen und des Kindergartens war es möglich, nicht nur viel Kinderkleidung und Spielzeug zu sammeln, sondern auch Süßigkeiten, gepackte Schulranzen, Mal- und Bastelmaterial, Schultafelkreide und spezielle Unterrichtsmaterialien zusammenzustellen. Ein Kassettenrekorder, ein Polylux und ein Diaprojektor mit Dias der Schulen und Schüler sind besondere Aufmerksamkeiten und Hilfsmittel, von denen dort selbst die Schulleiterin der Grundschule und des Kindergartens kaum zu träumen wagte. Bei den Vorbereitungen für diesen Besuch hatten wir vergessen, dass zum geplanten Termin auch in Rumänien Ferien sind.

Trotzdem sind alle Kinder der beiden in einem Hause untergebrachten Einrichtungen versammelt, um uns mit jeweils einem kleinen Programm zu begrüßen. Unverkennbar ist, wie drei- und vierjährige Steppkes in ungarischer Sprache das “Häschen in der Grube“ spielen und singen, und genauso eindrücklich erscheint das innige Verhältnis der jungen Kindergärtnerin zu ihren achtzehn Schützlingen. Von den fünfundzwanzig Schulkindern singen einige Mutige allein oder in der kleinen Gruppe und sagen, leider für uns unverständlich, Gedichte auf. Gemeinsam mit den zwei Lehrerinnen und der Erzieherin hatten sie sich auf unseren Besuch vorbereitet und nun stehen sie vor uns, komplett versammelt und in den allerbesten Kleidern. Wenn auch nicht alle augenscheinlich frisch mit Persil oder Spee gewaschen sind, sehen uns daraus Kinderaugen voller Erwartung an, die sich äußerlich und innerlich vorbereitet und mit ihren Familien auf unser Kommen gefreut hatten. Als wir dann an die Kinder Süßigkeiten verteilen, kann man erahnen, wann sie die letzte Schokolade oder ähnliches zu essen bekamen. Alles verschwindet sofort in den Taschen, um sich die Möglichkeit eines weiteren „Schatzes“ nicht zu versagen.

Nach Größen sortierte Kleidung wird im zweiten Raum der Schule dann einzeln verteilt und das Strahlen der Augen lässt erahnen, dass die Kinder auch diese Stücke noch zu Hause unterbringen können. Bevor alle mit ihren Päckchen und einem Plüschtier freudestrahlend nach Hause ziehen, wird noch ein Foto auf dem Schulhof geschossen. Dort warten schon andere Kinder des Ortes und auch die Eltern und Großeltern.

Als einem Stöpsel dann ein Gummibärchen in den Schlamm fällt, ist die Mühe groß, es mit der Kleidung im Arm aufzuheben und in den Mund zu stecken. Auch die total verfaulte Hälfte eines Apfels eines anderen Sechsjährigen ist für ihn kein Grund, ihn nicht komplett aufzuessen. Eindrücke am Rande, die uns tief blicken lassen. Die Direktorin zum Abschluss im Gespräch nach dringendsten Problemen gefragt, zeigt uns, dass die Schultafel eigentlich nur der schwarz gestrichene Putz an der Wand, umrahmt von vier Leisten ist. Die fehlenden Glühlampen sind nicht bezahlbar und die Kinder werden im Winter wohl frieren müssen, da das vorhandene Holz kaum für die Übergangszeit reichen wird. Die Kindergärtnerin zeigt uns die vier Holztische, die selbst auf einem Sperrmüll in Deutschland durch ihr Aussehen hervorstechen würden. Dort, wo für die Kinder Stühle stehen sollten, liegen einige wohl vierzig Jahre alte Teppichstücke und in einem Regal erkennen wir das wenige Spielzeug, was im April von uns dort abgegeben wurde. Wir übergeben Geld für Feuerholz und für denjenigen, der es entsprechend klein macht. Der Stempel zum Quittieren wird von der Direktorin zum Anhauchen fast verschluckt, aber auch als stempelfreudige Deutsche lassen wir ein Stempelkissen als ein letztes Geschenk dort.

Ein Dorf hatte ein Erlebnis und war auf den Beinen. Wir werden von unseren Gastgebern gefragt, ob wir noch einen dringenden Besuch machen möchten. Auf dem Weg überholen wir strahlende und freudig erzählende Kinder. Das Auto auf der Straße abgestellt, verlangt der kurze Anstieg zum Haus fast artistische Voraussetzungen, da es am Morgen geregnet hatte.

Vor einem kleinen Haus angekommen, erfordert es noch etwas mehr Mühe, die Stufen unbeschadet zu ersteigen, bevor wir in dem einzigen, zwanzig Quadratmeter großen Raum des Hauses stehen. Eine Mutter von dreizehn Kindern, ihr Mann verstarb vor kurzem, bewohnt mit acht Kindern diesen Raum, fünf Kinder leben in einem Kinderheim in der Stadt. Auf einem von den vier Betten, das direkt vor dem Herd steht und dessen defekte Platten die Flammen herauszüngeln lassen, liegt diese Mutter mit zwei gebrochenen Beinen. Während wir mit ihr reden, kommen zwei ihrer Kinder aus der kleinen Schule zurück, mit je einem neuen Ranzen. Ihre Augen übersetzen ein wenig das zwischen ihnen Gesprochene. Zwischendurch muss einige Male das kleine Schwein wieder hinaus geschoben werden, da die Brettertür weder Schloss noch Riegel hat. Wir hoffen, der Familie mit einigen Mark eine winzige Hilfe zu geben, auch wenn unsere Hoffnung nur klein ist. Wir nehmen Eindrücke mit, die mit Worten nicht wiederzugeben sind.

Nach einem unseren Gastgebern nicht auszuredenden Mittagessen geht die Fahrt wieder zurück nach Temeswar. Die sich selbständig entladende Schrottlast eines entgegenkommenden LKW zwingt uns zwischendurch zu einer Notbremsung, bevor wir noch einmal die herrliche Herbstlandschaft dieses Landes genießen können. Kurzzeitig vertreiben diese Eindrücke die Bilder der letzten Stunden und Tage.

In Temeswar angekommen, stehen noch Besuche bei Familien, dem ehemaligen Pastor der Gemeinde und dem Rabbi der Jüdischen Gemeinde an. Eine kurze Visite in der eigentlich verschlossenen Synagoge lässt erahnen, dass diese Gemeinde einst sehr groß und lebendig war. Der Wegzug der Menschen macht nur noch den Erhalt einer von einst drei Synagogen der Stadt möglich.

Ein Besuch einer kleineren Reformierten Kirchgemeinde am Rande der Stadt, deren Pastorin die Frau unseres Gastgebers ist, informiert uns über deren Leben. Wir bringen Kinderkleidung und einige Lebensmittel hin und ermöglichen der Gemeinde nach Jahren das erste Mal, der Pastorin den vollen Lohn (ca. 100,00 DM pro Monat) zu zahlen. Mit den Kirchenältesten der Lutherischen Gemeinde findet am Abend ein kurzes Treffen statt. Wir helfen, die beiden über 70-jährigen Damen in der Buchhaltung zu entlasten und finanzieren eine Gemeindeverwalterin.

Damit geht unser Besuch unweigerlich dem Abschied am Freitagmorgen entgegen. Vieles Neue lernten wir in einer Welt kennen, die so anders ist als unsere. Und doch ist es eine Welt, ja ein Europa. Die Frage, warum es uns besser geht, bleibt weiter unbeantwortet. Das Gesehene und Erlebte fordert uns zur Entscheidung heraus, wie wir mit „unseren“ Gütern umgehen. Viele Menschen trugen mit ihrer Entscheidung, uns zu helfen, dazu bei, das Beschriebene zu ermöglichen. Wir bringen Ihnen den Dank der Empfänger und unseren Dank für das, was uns an Beschreibbarem und an Unbeschreibbarem in Erinnerung ist. Besonders danken wir der LAS Wohlfahrtspflege gGmbH und der JES Jugendförderkreis GmbH, beide aus Erfurt, für die zwei Kleintransporter, der Schlecker-Zentrale Eisenach, dem Gustav-Adolf-Werk Thüringen und jedem, ob Kind oder Erwachsenen, die uns unterstützt haben, ob privat oder als Firma, um die kleine Hilfe überbringen zu können.

 

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